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EINE KURZE GESCHICHTE VON OCCUPY WALL STREET
Ethan Earle - November 2012

Photo credits: May S. Young, Flickr

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In Lower Manhattan, auf einem kleinen Platz namens Zuccotti Park, wurde im September 2011 Occupy Wall Street geboren. Die ersten Besetzer waren ursprünglich gekommen, um gegen die Wall Street zu protestieren, aber als die Besetzung begann, war ihr Schlachtplan nicht ganz klar. Was waren ihre Ziele, und wie würden sie diese verfolgen?

Trotz dieses Mangels an Klarheit – und paradoxerweise auch gerade deswegen – begann Occupy sich rasch auszubreiten, in den Vereinigten Staaten und auch im Ausland. Von den Metropolen bis in die Kleinstädte des ländlichen Amerikas schienen die Menschen von der Explosion der Empörung angezogen, die sich gegen alles richtete, was in der amerikanischen Gesellschaft schiefläuft. Innerhalb von zwei Wochen gab es Dutzende von Besetzungen nach dem Vorbild des Zuccotti Parks; nach einem Monat bereits mehrere hundert. Jeder Tag sah einen Wirbelwind neuer Besetzungen, Proteste, Diskussionen, Kritikansätze und Lösungsvorschläge.

Obwohl die Bewegung keine eindeutigen Forderungen formulierte, wurde eine Sache rasch deutlich: dass dies eine Bewegung der „99%“ war, der breiten Massen, die ihres Anteils am gesellschaftlichen Reichtum und an den Chancen in der Gesellschaft von Millionären und Milliardären, also von den „1%“, beraubt worden waren. Die Bewegung zielte darauf ab, den Trend der vorangegangenen Jahrzehnte, in dem die neoliberale Agenda der Vereinigten Staaten und des globalen Kapitalismus die sozialen und wirtschaftlichen Ungleichheiten enorm vertieft hatte, umzukehren. Und indem sie die soziale Frage in der amerikanischen Öffentlichkeit wieder auf die Tagesordnung setzte, markiert die Occupy-Bewegung die Wiedergeburt der US-Linken.

Dieser radikale Ansatz, verbunden mit der unglaublich rasanten Ausbreitung der Bewegung, verunsicherte und ärgerte die Mächtigen und eroberte die Vorstellungskraft weiter Teile der amerikanischen Öffentlichkeit. Nach Jahrzehnten der Entmutigung und geringen Sichtbarkeit der US-Linken – die Ethan Young in seiner Studie „Karthographie der Linken“ (www.rosalux-nyc.org) analysiert – beherrschte auf einmal eine progressive Bewegung die Schlagzeilen, die nicht ignoriert werden konnte. Und zum ersten Mal seit Jahrzehnten hatte die Linke erheblichen Einfluss auf die breite Bevölkerung. Millionen und Abermillionen von Menschen konnten sich mit ihrem Protest identifizieren, insbesondere mit ihrem Kernthema: der sozialen Spaltung. In einer Zeit, in der viele Menschen an das neoliberale Credo „es gibt keine Alternative“ zu glauben gelernt hatten, tat sich plötzlich eine Öffnung auf, die an das erinnerte, was die globalisierungskritische Bewegung zuvor behauptet hatte: „Eine andere Welt ist möglich.“

In dieser Studie bietet Ethan Earle, Projektmanager des New Yorker Büros der Rosa-Luxemburg- Stiftung, die vermutlich erste ausführliche Darstellung der Geschichte von Occupy Wall Street, von den Anfängen bis zur Gegenwart. Seine Arbeit ist ein wichtiger Beitrag zu der komplexen und sich rasch entwickelnden Debatte darüber, wie und warum Occupy entstand und was daraus geworden ist. Earle gibt dem Leser das Rüstzeug, um die Bewegung zu verstehen und eigene Ideen über dessen Vermächtnis und Zukunft zu entwickeln. Durch seine Bezugnahme auf Rosa Luxemburgs Gedanken der Dialektik von Spontaneität und Organisation entwickelt er zugleich Vorschläge, in welche Richtung Occupy Wall Street sich bewegen sollte.

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