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DER MYTHOS DES „POST-RASSISMUS“
Albert Scharenberg - August 2014

Photo: Huffington Post

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Von Albert Scharenberg. Seit der Erschießung des unbewaffneten 18-jährigen Afroamerikaners Michael Brown in Ferguson/Missouri durch einen weißen Polizisten reißen die Proteste nicht ab, demonstrieren in den USA jeden Tag Tausende gegen Polizeigewalt. Gleichzeitig offenbart die öffentliche Debatte über den Fall, dass die Frage, ob Rassismus heute noch eine Rolle in der amerikanischen Gesellschaft spielt, von Weißen und Schwarzen grundverschieden beantwortet wird.

Wie kann das sein in einem Land, das erst vor wenigen Jahren freudetrunken den Wahlsieg seines ersten schwarzen Präsidenten feierte?

Auf den ersten Blick fällt die Antwort leicht: Dank der Bürgerrechtsbewegung wurde die gesetzliche Rassentrennung vor einem halben Jahrhundert im ganzen Land abgeschafft; seitdem ist eine schwarze Mittelschicht entstanden; und Afroamerikaner sind heute gesellschaftlich nicht mehr „unsichtbar“, wie Ralph Ellison einst schrieb, sondern – im Sport, in der Politik, in Film und Fernsehen – überaus sichtbar. Wo also liegt das Problem?

Es besteht zunächst darin, dass es für die weiße Bevölkerungsmehrheit gar keinen Rassismus mehr gibt. Die meisten Weißen glauben – insbesondere seit der Wahl Obamas –, in einer „post-rassistischen“ Gesellschaft zu leben. Historisch mag es Rassismus gegeben haben, so die Logik, aber wenn der höchste Repräsentant des Staates Afroamerikaner ist, dann kann der Rassismus heute keine oder zumindest keine nennenswerte Rolle mehr spielen.

Sieht man genauer hin, ergibt sich allerdings ein grundsätzlich anderes Bild. Denn allen Fortschritten zum Trotz hat sich die soziale Spaltung zwischen Weißen und Schwarzen keineswegs verringert, im Gegenteil: Ein Blick auf die einschlägigen Indikatoren offenbart, dass die Ungleichheit ungebrochen ist – trotz Barack Obama und Oprah Winfrey, Jay Z und Beyoncé.

Wie in den 1960er Jahren beträgt das Durschnittseinkommen schwarzer Haushalte weiterhin nur drei Fünftel desjenigen weißer Haushalte; umgekehrt ist das Haushaltsvermögen der Weißen zwanzig Mal so groß wie das der Schwarzen. Die Arbeitslosigkeit unter Schwarzen liegt immer noch doppelt so hoch wie unter Weißen, die offizielle Armutsrate dreimal so hoch. Die gesetzliche Rassentrennung wurde aufgehoben, aber eine informelle Rassentrennung in den Wohnvierteln und Schulen dauert an. Mit Blick auf die Inhaftierungsrate ist die Ungleichheit seit den 60er Jahren sogar gestiegen; damals landeten schwarze Männer fünfmal so oft im Gefängnis wie weiße, heute sechseinhalb Mal.

Angesichts dieser Fakten erweist sich das Bild einer „post-rassistischen“ Gesellschaft also als Mythos – als Mythos, der eine Selbstentlastung der Weißen zur Folge hat und es erlaubt, die fortgesetzte Diskriminierung und Ausbeutung der Afroamerikaner zu ignorieren bzw. schlicht abzustreiten.

Dass sich diese Diskrepanzen nicht verringert, sondern verfestigt haben, hat Teile der Öffentlichkeit nicht daran gehindert, sie mit einem angeblichen Fehlverhalten der Schwarzen zu erklären. Nicht der Rassismus, sondern eine „Kultur der Armut“ wird dabei als Ursache der Armut behauptet – womit dann endgültig die Marginalisierten selbst für ihre Marginalisierung verantwortlich gemacht werden.

Ein unverstellter Blick hingegen offenbart, dass die Wurzeln viel tiefer liegen. Ta-Nehisi Coates hat jüngst in der Zeitschrift „The Atlantic“ an die historisch-systemische Dimension der Ungleichheit erinnert, die bis zur Ankunft der ersten Afrikaner in der englischen Kolonie Virginia 1619 zurückreicht. Coates verweist auf die – stets politisch-gesellschaftlich gedeckte und polizeilich geschützte – Enteignung der Schwarzen, von der Sklaverei über die gesetzliche Rassentrennung bis hin zur andauernden informellen Diskriminierung, etwa im Kreditwesen. Seine viel diskutierte Schlussfolgerung: Wollen die Vereinigten Staaten den strukturell verankerten Rassismus aufheben, muss das Land den Afroamerikanern Reparationen zahlen.

Fest steht: Ohne grundlegende Veränderungen bleibt die Spaltung auf allen Ebenen der Gesellschaft bestehen – auch unter einem schwarzen Präsidenten, der weder die Fortdauer der Ungleichheit, noch die Tötung von Trayvon Martin, Eric Garner, Michael Brown und all den anderen verhindern kann.

(Zuerst erschienen in: „Neues Deutschland“, 23. August 2014)



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