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Von James R. Barrett. Die große Bedeutung der bolschewistischen Revolution zu verstehen, ist aus heutiger Sicht ein wahrlich schwieriges Unterfangen. Sie eröffnete vielschichtige neue Möglichkeiten und wurde nicht nur von Revolutionären in den Vereinigten Staaten und weltweit willkommen geheißen, sondern auch von Millionen einfachen Menschen, die in ihr die Chance für die Erschaffung einer besseren Welt sahen. Doch angesichts dessen, was in den Jahren nach der Revolution passierte – insbesondere hinsichtlich der Auswirkungen des sowjetischen Einflusses auf die Zukunft einer radikalen Bewegung in Amerika –, ist es wichtig zu ergründen, woran diese Beziehung scheiterte.

Die Kommunistische Partei der USA (KPUSA) verfügte zu verschiedenen Zeitpunkten über ein erhebliches gesellschaftliches Potenzial. Ihr Scheitern war keineswegs unausweichlich. Es ist deshalb aus politischer wie aus wissenschaftlicher Sicht geboten, sich ihrer Geschichte anzunehmen.

Für dieses Unterfangen lassen sich unterschiedlichste Perspektiven heranziehen. Während der beiden Phasen der sogenannten Red Scare – der Paranoia vor und der Pogrome gegen tatsächliche oder vermeintliche Kommunisten – nach dem Ersten Weltkrieg und erneut nach dem Zweiten Weltkrieg kam es in den Vereinigten Staaten zu enormen Repressionswellen von Seiten der Regierung und der Konzerne. Auf diese Weise wurden bis Ende der 1920er Jahre rund 38 000 Migrantinnen und Migranten, unter ihnen viele Radikale, deportiert. Für eine Bewegung, die sich hauptsächlich aus Migranten zusammensetzte, war dies ein ungeheurer Schlag. Büros wurden durchsucht, Zeitungen beschlagnahmt, Aktivisten festgenommen und tausende Gewerkschaftsmitglieder des Landes verwiesen.

In diesem Aufsatz werde ich mich auf die Entwicklung Mitte der 1920er Jahre konzentrieren. Damit will ich zum einen den Einfluss des Stalinismus methodologisch ausschließen und zum anderen die Idee überprüfen, ob es nicht der sowjetische Einfluss an sich war, der sich als Hindernis für die Partei erwies und ihre Wachstumschancen einschränkte – und zwar bereits vor Stalins Machtkonsolidierung und dem Aufkommen der Linken Opposition.

Das zentrale Problem in der Geschichte des Kommunismus – das Wirken des Stalinismus – lässt sich auf einen tieferen Hintergrund zurückzuführen. Bereits vor Stalins Machtübernahme führten desaströse Entscheidungen und politische Strategien wiederholt zu Niederlagen, die nicht auf das Handeln eines einzelnen Menschen zurückzuführen sind.[1] Ihre Ursachen liegen vielmehr darin begründet, wie das leninistische Modell in der Sowjetunion umgesetzt wurde, sowie in der Unterwerfung der KPUSA (und tatsächlich aller KPs weltweit) unter die Führung der Sowjets. Dies heißt nicht, dass die Geschichte der US-amerikanischen KP allein auf das Vorgehen der Kommunistischen Internationale (Komintern) zurückgeführt werden kann, wie manche antikommunistischen Kommentatoren gerne behaupten. Dennoch lässt sich nicht von der Hand weisen, dass die Interventionen der Komintern regelmäßig die Bemühungen amerikanischer Kommunisten untergruben.

Jacob Zumoff vertritt die Auffassung, dass das Eingreifen der Komintern in den 1920er Jahren die KPUSA häufig vor sich selbst rettete und einen positiven Einfluss hatte.[2] Dies traf etwa auf die Bemühungen zu, eine Partei zu „amerikanisieren“, die beinahe komplett aus fremdsprachigen Gruppen bestand; auf ihre Forderung von 1921, dass die im Clinch liegenden amerikanischen Parteien zu einer einzigen Partei verschmelzen und nicht länger im Untergrund agieren sollten; und auf den besonderen Fokus, den die Internationale auf das Thema der Unterdrückung afroamerikanischer Arbeiter legte (obgleich die sogenannte Black-Belt-Strategie der Komintern an der Realität der meisten schwarzen Arbeiter vorbeiging). Zugleich dokumentiert Zumoff aber auch zahlreiche Begebenheiten, bei denen die Einmischung der Komintern zu katastrophalen Ergebnissen führten. Im Folgenden soll es um einige wenige davon gehen.

Die Wende von 1923

Einen wichtigen Wendepunkt stellte das Jahr 1923 dar. In den beiden vorangegangenen Jahren hatten Kommunisten im Rahmen der Trade Union Educational League (TUEL) sowie der neuen Labor Party in zahlreichen Metropolen sowohl auf wirtschaftlicher als auch auf politischer Ebene eine wachsende Zahl an Erfolgen zu verzeichnen gehabt. Dies galt insbesondere für Chicago, wo sich mit John Fitzpatrick und der Chicago Federation of Labor (CFL) ein authentischer und vielversprechender Weg zu einer Massenbewegung abzeichnete. Dieser Pfad hätte die American Federation of Labor (AFL) in einem kritischen Moment ihrer Geschichte von Grund auf verändern und das Fundament für eine unabhängige Gewerkschaftsbewegung legen können. Die Bewegung in Chicago war Teil einer breiten Strömung, der nicht nur die radikalen Stadtföderationen aus Seattle, Minneapolis-St. Paul und Detroit, sondern auch kämpferische Basisgewerkschaften in Städten und Industriestandorten überall in den Vereinigten Staaten angehörten. Die frühen Erfolge der Trade Union Educational League, welche im Rahmen einer Fusionierungsstrategie die alten Berufsgewerkschaften zu einem kämpferischen Industriesyndikalismus zu bewegen versuchte, sind ein wichtiger Beleg für das Potenzial dieser Bewegung.

Während des Ersten Weltkriegs unterstützte John Fitzpatrick alle zentralen Bemühungen der Arbeiterorganisierung, einschließlich der Organisierung von Arbeiterinnen und schwarzen Arbeitern, und er stand im Zentrum der Bewegung rund um die Labor Party. Er stellte sich dem Konservatismus eines Samuel Gomper entgegen und stellte damit sein eigenes Wohl und zuweilen auch das seiner Föderation aufs Spiel. Und er arbeitete mit einer ganzen Reihe von Radikalen zusammen, einschließlich William Z. Foster, Earl Browder und anderen frühen Kommunisten. Das Potenzial für einen radikalen Syndikalismus sowie für einen kommunistischen Einfluss in einer solchen Bewegung ging wesentlich auf Menschen wie Fitzpatrick zurück.

In dieser vielversprechenden Phase trat die Komintern in Person von Joseph Pogany alias John Pepper auf den Plan. Pepper war ein ungarischer Weltmann fragwürdigen politischen Hintergrunds, der bemerkenswert schlecht über die Realitäten der Politik in den Vereinigten Staaten informiert war, der sich aber dennoch anmaßte, die Politik der Partei zu bestimmen. Indem Pepper Fosters Parteimitgliedschaft öffentlich machte, stellte er Fitzpatrick bloß und erschwerte es Foster, mit nicht-kommunistischen, progressiv gesinnten Gewerkschaftern zusammenzuarbeiten. Gemeinsam mit Foster und anderen erfahrenen Gewerkschaftern in der kommunistischen Führung mahnte Fitzpatrick deshalb im Sommer 1923 zur Vorsicht. Es gab in dieser heiklen Phase der Entwicklung der Labor Party einfach keinen ausreichenden gewerkschaftlichen Rückhalt für ein weiteres Vorpreschen.

Pepper dagegen forderte, dass sich die Parteimitglieder gegen Fitzpatrick stellten und sofort eine landesweit tätige Farmer-Labor Party (Arbeiter- und Bauernpartei) ausriefen, die absurderweise den Ausgangspunkt für eine amerikanische Revolution darstellen sollte. Doch Pepper traf auf den Widerstand von Foster und praktisch allen Mitgliedern mit Gewerkschaftserfahrung, wodurch faktisch eine der Grundlagen für die heftigen Flügelkämpfe in den 1920er Jahren geschaffen war. Mit Hilfe des eher intellektuellen Flügels der Partei (einer Gruppe von Leuten mit herzlich wenig Erfahrung in oder gar Kontakt mit der Arbeiterbewegung) gelang es Pepper, den Sieg davonzutragen. Sein Erfolg basierte größtenteils auf dem Anspruch, für die Komintern zu sprechen. Die Komintern wiederum unterstützte Pepper und sein Vorgehen gegen Fitzpatrick. Sie war, ohne irgendwelche Belege dafür zu haben, der Überzeugung, dass die Gründung einer funktionierenden, landesweit tätigen Arbeiter- und Bauernpartei unmittelbar bevorstand.

Die einberufene Konferenz war ein Debakel. Fitzpatrick verließ die Veranstaltung und prangerte die kommunistische Manipulation der neuen Federated Farmer-Labor Party an, was jedoch ins Nichts führte. Für die Kommunisten war damit ihre vielversprechende Gewerkschaftsbasis verloren.[3]

Im Laufe der nächsten zwei Jahre nutzten Gewerkschaftsbürokraten die Gunst der Stunde, um ihre Organisationen von radikalen Elementen zu säubern. Im Zuge des kommunistischen Bruchs mit progressiven Gewerkschaftern wurden tausende Mitglieder und teilweise ganze Ortsgruppen ausgeschlossen. Mitte der 1920er Jahre war damit die Basisbewegung, die Hunderte von TUEL-Aktiven innerhalb von drei Jahren aufgebaut hatten, größtenteils zerschlagen.

Zu einem weiteren Bruch mit den progressiven Kräften kam es ebenfalls Mitte der 1920er Jahre in der Gewerkschaft der United Mine Workers of America (UMW). Forderungen nach öffentlicher kommunistischer Agitation und schließlich die Gründung einer eigenen kommunistischen Bergbaugewerkschaft hintertrieben eine Beteiligung der Kommunisten an der breit angelegten Bewegung „Save the Union“ (Rettet die Gewrkschaften). Der UMW-Vorsitzende, John L. Lewis, griff jegliche Opposition erbarmungslos an, ob es sich dabei um Kommunisten handelte oder nicht. Es war jedoch insbesondere der sektiererische Ansatz der Partei, der von der Komintern unterstützt und zuweilen sogar eingefordert wurde, der sämtlichen Chancen auf eine wirkungsvolle Basisbewegung im Bergbausektor ein Ende setzte.[4]

Flügelkämpfe und die Rolle der Komintern

Ein ungeheuerlicher Fall von Einmischung seitens der Sowjets geschah 1925. Sergei Gusev, Komintern-Vertreter und früher Anhänger von Stalin, entriss damals dem Flügel um Foster, der einen Großteil der Parteimitglieder einschließlich einer Mehrheit der Gewerkschafter vertrat, eigenmächtig die Führung der Partei und übertrug sie dem ultra-sektiererischen Flügel von Jay Lovestone. „Diejenigen, die sich weigern, Folge zu leisten“, so das Telegramm der Komintern, „werden ausgeschlossen“.[5] (Als Lovestone bei einer weiteren Umstrukturierung der Komintern 1929 ausgeschlossen wurde, bot er der AFL-Führung seine Dienste als Berater an; später beriet er sogar die CIA, wie radikalen Gewerkschaften im In- und Ausland entgegenzutreten sei.[6])

Dieser erzwungene Austausch an der Führungsspitze führte zu noch stärkeren Flügelkämpfen. Er bereitete letztlich auch dem Ausschluss von James Cannon aus der Partei und deren Säuberung von Mitgliedern der Linken Opposition, zu der einige der begabtesten Aktivisten gehörten, den Boden. Inzwischen akzeptierte Cannon die Vorgaben der Komintern und unterstützte Lovestone, während Foster sich diesen weiterhin entgegenstellte. (Die spätere stalinistische Haltung Fosters wird häufig in diese Vorgeschichte hineinprojiziert; zu diesem frühen Zeitpunkt wurden Foster und sein Flügel allerdings eher verdächtigt, mit Trotzki zu sympathisieren.[7]) Obgleich er ab Ende der 1920er Jahre immer stärker dazu neigte, der Parteilinie zu folgen, lehnte Foster, der mit den praktischen Realitäten der gewerkschaftlichen Organisierung und Kultur umfassend vertraut war, Vorgaben der Komintern ab, die die Arbeit der Partei in den Fabriken hätte gefährden können. Infolge seiner Opposition zu diesen und späteren Anweisungen der Komintern blieb Moskau hinsichtlich Fosters Loyalität stets auf der Hut.[8] Nachdem jedoch Cannon und schließlich auch Foster sowie weitere führende Kräfte nach und nach klein beigegeben hatten, verließ sich die Partei mehr denn je auf die Richtungsanweisungen der Komintern.

Dieses Debakel kommentiert Zumoff wie folgt: „Die Flügelkämpfe, welche die Partei zerstörten, können nicht der Komintern angelastet werden.“ Gleichzeitig räumt er allerdings ein, dass „die Komintern einen Prozess förderte, bei dem nicht das politische Programm, sondern die Macht der jeweiligen Parteiflügel im Zentrum der Debatte stand. Sie sorgte also dafür, dass die Macht eines Flügels von der Unterstützung der Komintern abhing, und machte diese Unterstützung auf Grundlage der Moskauer Realpolitik anstatt auf der des kommunistischen Programms zugänglich“.[9]

Cannon widersetzte sich Peppers Einfluss vehement und traute Lovestone nie über den Weg. Als begnadeter Redner und Stratege, der es besser hätte wissen müssen, neigte Cannon dennoch dazu, die Entscheidungen der Komintern zu unterstützen. Er war, in seinen eigenen Worten, „ein überzeugter ‚Kominternist‘. Ich hatte Vertrauen in die Weisheit und in die Fairness der russischen Führung“.[10] Cannon hatte während der 1920er Jahre Foster und andere „Industriekommunisten“ bei den meisten der schädlichen Flügelkämpfe unterstützt, doch sobald die Kommission aus den Vereinigten Staaten oder irgendein neuer Vertreter der Komintern ein Urteil sprach, folgte Cannon dieser Linie. Noch 1928, dem Jahr seines Ausschlusses, unterstützte er die Strategie, eigene kommunistische Gewerkschaften zu schaffen – eine Strategie, der Foster und andere Gewerkschaftsveteranen entgegenstanden. Diese Vorgehensweise untergrub nicht nur die Reichweite des kommunistischen Einflusses, sondern setzte auch kommunistische Gewerkschafter, die sich einer Doppelmitgliedschaft in verschiedenen Gewerkschaften schuldig gemacht hatten, der Gefahr von Vergeltungsmaßnahmen aus. Angesichts seines drohenden Ausschlusses gab Foster schließlich seinen Widerstand auf.

Die Komintern bestimmt den weiteren Weg

Die Debakel von 1923 und 1925 waren nur zwei Fälle, in denen das Eingreifen der Komintern die Partei aus der Bahn warf. Andere Beispiele waren die Entscheidung von 1924, die Präsidentschaftskandidatur von LaFollette zu unterstützen (Pepper zufolge eine weitere amerikanische Revolution), sowie der Ausschluss von Cannon und Hunderten weiterer Mitglieder im Jahr 1928, womit Stalins Macht in der Sowjet-Partei und in der Folge auch in der Komintern gefestigt werden sollte. Diese gab weiterhin die Richtung vor, unter der Führung von Stalin sogar in noch stärkerem Maße. Die Komintern war zwar nicht für das Aufkommen Stalins verantwortlich – sein Aufstieg war ein komplexer und rücksichtsloser Vorgang –, doch begünstigten Struktur und Funktionsweise der Komintern, in Kombination mit politischen Morden, seinen Aufstieg und den kriminellen Charakter des stalinistischen Regimes.

Bereits vor Stalins Aufstieg an die Spitze wurde von Seiten der amerikanischen Kommunisten ein ungeheurer Aufwand betrieben, um den internen Streitigkeiten der Komintern zu folgen und sich deren Unterstützung für den einen oder anderen Parteiflügel zu versichern. Zudem mussten die Anweisungen der Komintern enträtselt und auf den Kontext der Vereinigten Staaten angewendet werden, was auch bedeutete, den Schaden zu begrenzen, den diese Anweisungen häufig verursachten. Während der 1920er Jahre unterstützte die Komintern Lovestone und einige der schlimmsten Auswüchse innerhalb der KPUSA.[11]

Die Interventionen der Komintern konnten allerdings auch positiver Natur sein. In den Vereinigten Staaten feierte die Partei ihre wichtigsten Erfolge im Rahmen der Volksfrontpolitik, als der sowjetische Einfluss eingedämmt wurde und die Partei sich einem breiten Spektrum an Arbeitern öffnete. Die damalige Politik mag als opportunistisch abgelehnt werden, verglichen mit den Katastrophen der 1920er Jahre erscheint sie jedoch als ein beachtlicher Erfolg, der erst mit dem Hitler-Stalin-Pakt wieder in Frage gestellt wurde.

Diese Phase des Mitgliederzuwachses endete in den späten 1940er und frühen 1950er Jahren, als sich inmitten des Kalten Krieges und der McCarthy-Ära der sowjetische Einfluss samt eines orthodoxen Stalinismus wieder behauptete. Diese Parteilinie begünstigte Repressionen der Regierung, welche bis Ende der 1950er Jahre beinahe zum Ende der Partei geführt hätten. Dank des großen Zuwachses an Mitgliedern zu Zeiten der Volksfront und der Kriegsjahre sowie der veränderten Zusammensetzung der Mitgliedschaft war jedoch auch ein nennenswerter „Reformblock“ entstanden, der sich gerade in den Nachkriegsjahren regte, als die Partei ihrem extremen Sektierertum verfiel. Angesichts der Chruschtschow-Enthüllungen und des sowjetischen Einmarsches in Ungarn 1956 kritisierte dieser Block nicht nur den Stalinismus, sondern auch andere Ausprägungen des Leninismus. Sein Verständnis der Parteilinie hatte sich, aufgrund der Erfahrungen in Gewerkschaften und anderen sozialen Bewegungen sowie der Kriegsjahre und des Militärdienstes in Spanien, in Richtung eines demokratischen Sozialismus gewandelt. Die Mitglieder des Reformblocks trafen auf den erbitterten Widerstand orthodoxer Marxisten-Leninisten, die auf sowjetische Unterstützung zählen konnten. Mit der Niederlage des Reformblocks war die letzte Gelegenheit verpasst, die Partei zu retten und zu einer sozialistischen Massenpartei umzuformen. Der Untergang der Partei in den 1950er Jahren war somit nicht allein Ergebnis politischer Repressionen, sondern auch dieser ideologischen Konflikte.[12]

Die internationale Bewegung hätte nicht zwangsläufig dem Modell der Komintern folgen müssen. Eine mögliche Alternative wäre gewesen, jede Partei in ihrem jeweiligen nationalen Kontext, und ohne ständig Disziplinierungsmaßnahmen anzudrohen, einen eigenen Weg finden zu lassen. Auch wenn dies nicht zur Weltrevolution geführt hätte, so wären auf diese Weise zahlreiche katastrophale Fehler, die der Partei in ihren Anfangsjahren widerfuhren, zu vermeiden gewesen. Im Herzen der Tragödie der russischen Revolution liegt somit auch eine Tragödie des amerikanischen Radikalismus, die in dem Versuch einer internationalen Organisation bestand, das russische Erfolgsmodell auf Gesellschaften in der ganzen Welt zu übertragen.

 

[1] Bryan D. Palmer, Rethinking the Historiography of United States Communist History. In: „American Communist History“, 2/2 (2003), S. 139–173; John McIlroy, Rethinking the Historiography of United States Communism: A Comment. In: „American Communist History“, 2/2 (2003), S. 195–202.

[2] Jacob Zumoff, The Communist International and U.S. Communism (London: Verso, 2015).

[3] Bryan Palmer betrachtet Pepper als eine Art Proto-Stalinist (obgleich der Frühling 1923 noch etwas früh dafür scheint). Dadurch kann er jegliche Kritik am Avantgarde-Modell vermeiden, welches eine Kreatur wie Pepper überhaupt erst ermöglichte. Zurecht merkt er an, dass Cannon Pepper zwar hasste, er aber nicht nur einmal, sondern des Öfteren der Linie von Pepper und Lovestone folgte. Dies tat er eindeutig aus einem Gefühl des Pflichtbewusstseins gegenüber der Komintern heraus und aus Respekt vor der russischen Führung. Siehe Bryan D. Palmer, Communist History: Seeing It Whole, A Response to Critics. In: „American Communist History“, 2/2 (2003), S. 210–211.

[4] James R. Barrett, William Z. Foster and the Tragedy of American Radicalism (Urbana, IL: University of Illinois Press, 1999); Theodore Draper, American Communism and Soviet Russia, 2. Ausgabe (New York: Vintage Books, 1986 [1960]), S. 284–299.

[5] Draper, American Communism and Soviet Russia, S. 242–252, Zitat: S. 144.

[6] Ronald Radosh, American Labor and United States Foreign Policy (New York: Random House, 1969); Ted Morgan, A Covert Life. Jay Lovestone: Communist, Anti-Communist, and Spymaster (New York: Random House, 1999).

[7] Zumoff, Communist International and U.S. Communism, S. 161–171; Bryan D. Palmer, James P. Cannon and the Origins of the American Revolutionary Left (Urbana, IL: University of Illinois Press, 2007), Cannon-Zitat: S. 247.

[8] Draper, American Communism and Soviet Russia, S. 150.

[9] Zumoff, Communist International and U.S. Communism, Zitat: S. 167.

[10] Cannon, zit. in: Palmer, James P. Cannon, S. 247.

[11] Bryan Palmer und ich haben diverse Debatten über diese Themen geführt. Vgl. Bryan Palmer, Rethinking the historiography of United States communism. In: „American Communist History“, 2/2 (2003), S. 139–173; James R. Barrett, The History of American Communism and our Understanding of Stalinism. In: „American Communist History“, 2/2 (2003), S. 175-182; Bryan D. Palmer, Communist History: Seeing It Whole, A Response to Critics. In: „American Communist History“, 2/2 (2003), S. 203–214.

[12] James R. Barrett, Rethinking the Popular Front. In: „Rethinking Marxism“, 21 (Oktober 2009), S. 531–550; Maurice Isserman, If I Had a Hammer: The Death of the Old Left and the Birth of the New Left (New York: Basic Books, 1987), S. 1–34; Maurice Isserman, The 1956 Generation: An Alternative Approach to the History of American Communism. In: „Radical America“, 14 (1980), S. 43–51; Joseph Starobin, American Communism in Crisis, 1943-1957 (Cambridge, MA: Harvard University Press, 1972), S. 224–237.



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